Das reverse charge Verfahren

Das reverse charge Verfahren ist eine echte Hilfe, wenn es um die Behandlung internationaler Umsatzsteuersachverhalte geht. Doch wann kommt es genau zur Anwendung?

Für dich als Leistungserbringer

Bereits im Beitrag allgemeines zur Umsatzsteuer habe ich ausgeführt, dass du als Musiker in der Regel sonstige Leistungen erbringst. Diese werden in dem Land besteuert, wo sich der Ort der sonstigen Leistungen befindet.

Ort der sonstigen Leistungen

Sofern du Leistungen an Privatpersonen erbringst, befindet sich der Ort der sonstigen Leistung an deinem Unternehmenssitz, also nach unserer Grundannahme in Deutschland.

Wenn du Leistungen an ein anderes Unternehmen erbringst, befindet sich der Ort der sonstigen Leistung am Sitz des empfangenden Unternehmens. Liegt dieser im Ausland, dann ist der Ort der sonstigen Leistung im Ausland. Damit du keine großen steuerlichen Pflichten im Ausland erledigen musst, kommt hier das reverse charge Verfahren zur Anwendung. Vereinfacht heißt das: der ausländische Unternehmer kümmert sich um deine Umsatzsteuer im Ausland.

Musiker erbringen abweichend von dieser Grundregel ihre sonstigen Leistungen im Bereich der Auftrittstätigkeit dort, wo sie auftreten. Sofern du die Leistung an einen ausländischen Unternehmer im Staat deines Auftrittsortes erbringst, ist das kein Problem. Auch dann kann der ausländische Unternehmer das reverse charge Verfahren anwenden.

Was aber musst du tun, wenn dein Leistungsempfänger in Deutschland sitzt und du in Frankreich auftrittst? Oder was musst du tun, wenn dein Konzertveranstalter in Belgien sitzt und du in Frankreich auftrittst?

Was versteht man unter dem reverse charge Verfahren

Bei Anwendung dieses Verfahrens führt der Leistungsempfänger (beispielsweise der ausländische Streamingdienst) die Umsatzsteuer für dich ab. Du weist in deiner Rechnung keine Umsatzsteuer aus. Auf deine Rechnung schreibst du: Es kommt das reverse charge Verfahren zur Anwendung. Sofern der Streamingdienst per Gutschrift abrechnet, brauchst du nicht mal eine Rechnung zu schreiben.

Im deutschen Steuerrecht ist das reverse charge Verfahren in § 13b UStG geregelt. Aus diesem Grunde wird auch oft von 13b Umsätzen gesprochen. Gemeint ist, dass auf diese Umsätze das reverse charge Verfahren zur Anwendung kommt.

Das reverse charge Verfahren wird durchgängig von allen Staaten der EU angewandt und von einigen anderen wichtigen Industriepartnern. Aber es wenden nicht alle Staaten weltweit dieses Verfahren an. Beispielsweise kennt die USA dieses Verfahren nicht. Ob ein Land das reverse charge Verfahren anwendet, musst du im jeweiligen Einzelfall ermitteln. Helfen können hier die Handelskammern oder die Außenhandelskammern in Deutschland oder dem jeweiligen Land.

Voraussetzungen für die Anwendung des reverse charge Verfahrens

Damit der ausländische Unternehmer das reverse charge Verfahren anwendet, musst du dich als Unternehmer ausweisen können. Innerhalb der Europäischen Union kannst du das durch die Vorlage einer Umsatzsteuer ID-Nummer. Diese erhältst du über die Homepage des BZSt. Näheres zur Beantragung der Umsatzsteuer ID-Nummer findest du unter meinem entsprechenden Blog-Beitrag. Oft hilft diese Nummer auch bei Leistungsempfängern im Drittland.

Das reverse charge Verfahren kommt nur bei Leistungen zwischen Unternehmern zur Anwendung. Bei Leistungen zwischen dir und einer Privatperson kommt es nicht zur Anwendung.

Deine Meldepflichten, wenn du Leistungen an ausländische Unternehmer erbringst

Auch wenn du sonstige Leistungen an einen ausländischen Empfänger erbringst und dieser im Ausland das reverse charge Verfahren anwendet, musst du trotzdem in Deutschland Meldepflichten erfüllen. Zum einen musst du die im Ausland erbrachten Leistungen gem. 13b UStG in der Umsatzsteuererklärung angeben und du musst auch eine Zusammenfassende Meldung abgeben.

Exkurs: Registrierungspflicht im Ausland, wenn das reverse charge Verfahren nicht zur Anwendung kommt

Wenn der andere Staat kein reverse charge Verfahren kennt, oder ein reverse charge Verfahren nicht zur Anwendung kommt, weil der Leistungsempfänger nicht im Auftrittsstaat ansässig ist, musst du dich am Ort deiner Leistung umsatzsteuerlich registrieren lassen. Du musst die Umsatzsteuer im entsprechenden Ausland nach den dort geltenden Regelungen abführen! Hier gibt es mit Sicherheit unzählige Leichen in unzähligen Kellern, will sagen, das wurde mit Sicherheit sehr häufig vergessen. Aber nach meiner Einschätzung ist das ganz klar deine Aufgabe als auftretender Künstler. Du bist der Steuerschuldner.

Für dich als Leistungsempfänger

Selbst wenn du keine Leistungen an ausländische Abnehmer erbringst, kann das reverse charge Verfahren für dich zur Anwendung kommen. Dann nämlich, wenn du Leistungen von ausländischen Unternehmen beziehst. Und das ist derzeit sehr häufig der Fall. Denke nur an Facebookwerbung, Googleleistungen, Zoomlizenzen und so weiter.

Gilt das auch für mich als Kleinunternehmer?

Das ist auch dann der Fall, wenn du nur umsatzsteuerfreie Erlöse erzielst oder Kleinunternehmer bist. Dann ist es sogar von besonderer Bedeutung, weil du die Umsatzsteuer aus dem reverse charge Verfahren abführen musst, aber keinen Vorsteuerabzug hast. Die abzuführende Umsatzsteuer wird für dich zur kostenmäßigen Belastung!!!!

Auch als Kleinunternehmer bist du umsatzsteuerlicher Unternehmer. Wenn du sonstige Leistungen eines im Ausland ansässigen Unternehmens beziehst, unterliegen diese Leistungen in Deutschland dem reverse charge Verfahren. Der ausländische Leistende ist Unternehmer, du bist (Klein-) Unternehmer. Damit kommt dieses Verfahren zur Anwendung.

Und du musst tätig werden!

Damit alles richtig läuft, ist es auch hier wichtig, dass du eine Umsatzsteuer ID-Nummer hast.

Du übermittelst bei der Bestellung deine Umsatzsteuer ID-Nummer an den Lieferanten (beispielsweise Google). Danach bekommst du eine Rechnung von Google ohne Umsatzsteuer mit dem Vermerk, dass das reverse charge Verfahren zur Anwendung kommt. Damit meint der Lieferant, dass du das anwenden musst!

In der Umsatzsteuervoranmeldung oder spätestens der Umsatzsteuerjahresmeldung musst du die entsprechenden 13b Leistungen melden. Voranmeldungen müssen unter den allgemein gültigen Regelungen abgegeben werden, wenn die Umsatzsteuerschuld eine bestimmte Höhe erreicht. Wenn deine Umsatzsteuerzahllast aus dem reverse charge Verfahren diese Grenze überschreitet, musst du Voranmeldungen abgeben. Ansonsten kannst du dich auf die Jahreserklärung beschränken.