Finanzielle Ideensammlung, um die Coronapandemie als Musiker besser zu überstehen

 

Die finanzielle Situation ist für viele Musiker derzeit äußerst belastend. Ich möchte dir einen Überblick zur Verfügung stellen, wie du deine finanzielle Situation besser in den Griff bekommen kannst. Eine finanziell schwierige Situation kann immer nur aus dem Zusammenspiel von Einnahmen erhöhen und Ausgaben senken gemeistert werden. Doch wie kann man in diesen Zeiten die Einnahmen erhöhen? und wie die Ausgaben senken. Ich zeige dir in diesem Artikel viele Punkte auf, die du wie einen Ideenkasten durchgehen kannst, um vielleicht von der einen oder anderen Überlegung zu profitieren.

Wichtig ist mir, dass ich nicht den Eindruck vermitteln möchte, dass alles einfach wäre, wenn man den Notstand nur optimal verwaltet. Ich habe in den letzten Monaten gemerkt: Es herrscht viel Angst wie diese Ausnahmesituation überstanden werden soll. Angst kann man durch Planung etwas reduzieren. Finanzielle Planung gibt eine gewisse Sicherheit. Außerdem ist es mir wichtig, dass du nicht Schuldenberge aufbaust. Schuldenberge können nicht nur durch die Aufnahme von Darlehen entstehen, sondern auch durch nicht bezahlte Steuern, Versicherungsbeiträgen, Abos etc.. Baust du an verschiedenen Stellen Schulden auf, verlierst du leicht den Überblick und das verursacht wiederum Angst. Außerdem bin ich der Ansicht, dass du ohne neue Schulden, viel schneller aus dieser Krise wieder rauskommen wirst. Also los geht´s:

Einnahmen erhöhen

Die Unterstützungen aufgrund COVID 19 durch die verschiedenen Ministerien

Ich stelle meinen Ausführungen den erleichterten Zugang zur Grundsicherung voran. Wenn das Einkommen für dich als Alleinstehenden oder für die Haushaltsgemeinschaft starkgesunken ist, ist diese Hilfe derzeit die einzige Hilfe für selbständige Musiker, die für längerfristige Beruhigung sorgen kann. Die Regelung gilt bis zum 31.3.2021. Ich gehe aber davon aus, dass sie noch verlängert werden könnte. Das Gute ist auch, dass du daneben weiterverdienen kannst und die Grundsicherung schlimmstenfalls auf die anderen Hilfen angerechnet wird. Ich empfehle dir die Grundsicherung derzeit als eine Art bedingungsloses Grundeinkommen anzusehen und entsprechend zu beantragen.

Erleichterter Zugang zur Grundsicherung 

Die Beantragung von Grundsicherung ist  nach meiner Erfahrung für Musiker mental sehr schwierig. Bevor du aber einen Kredit aufnimmst, deine Lebensversicherung veräußerst oder du deine ganzen Ersparnisse verbrauchst, um deinen Lebensunterhalt zu finanzieren, rate ich dir dringend, diese Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Musiker sind völlig unverschuldet in die Krise geraten. Deshalb wurde der Zugang zur Grundsicherung auch erleichtert.

Drei wesentliche Punkte möchte ich hier gerne ausführen:
  1. Grundsicherung aufgrund der Coronapandemie erhältst du ohne Vermögensprüfung, sofern du oder der Partner in deiner Lebensgemeinschaft nicht über erhebliches Vermögen verfügt. Erhebliches Vermögen beträgt nach den Ausführungen des Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)  60.000 € für das erste Haushaltsmitglied und weitere 30.000 € für jedes weitere Haushaltsmitglied. Einbezogen wird hier nur liquides Vermögen, das unproblematisch genutzt werden kann. Nicht einzubeziehen ist die selbstgenutzte Immobilie und die Lebensversicherung/ Altersvorsorge. Das BMAS möchte nicht, dass die Altersvorsorge aufgebraucht wird, um die Pandemie zu überstehen.
  2. Die Kosten der Unterkunft (KdU) bestehend aus Wohnung und Nebenkosten einschließlich Heizung werden ebenfalls ohne Angemessenheitsprüfung übernommen. Die Regelung soll sicherstellen, dass kein Soloselbständiger aufgrund der COVID 19 bedingten Einschränkungen aus seiner Wohnung ausziehen muss. Das gilt für alle Anträgen bis zum Ende des derzeitigen Begünstigungszeitraumes am 31.3.2021.
  3. Schließlich gibt es derzeit keine verpflichtende Überprüfung der tatsächlichen Einkünfte. Das heißt die Grundsicherung wird nicht vorläufig gewährt sondern endgültig. Die vorläufige Überprüfung führt immer dazu, dass du Beträge wieder zurückzahlen musst, wenn du mehr verdienst als zunächst erwartet. Wie gesagt, diese Vorläufigkeit ist bei der coronabedingten Grundsicherung nicht gegeben. Du kannst also auch was dazuverdienen!

Diese drei Punkte sind die Punkte, die als erleichterter Zugang zur Grundsicherung bezeichnet werden. Die Grundsicherung ist übrigens keine Sozialhilfe, sondern eine Unterstützung für Arbeitssuchende.

Was der BMAS einerseits beschlossen hat, ist bei den zuständigen Agenturen nicht immer leicht durchzusetzen. Ich empfehle dir, beantrage diese Grundsicherung, insbesondere auch die Bezuschussung der Kosten der Unterkunft. Gib dabei eine realistisches, vorsichtiges, voraussichtliches Einkommen an, nicht ein optimistisches, oder ein zu hohes, weil es dir zu peinlich ist, so wenig zu verdienen. Druck dir die frequent asked questiones (FAQ) zum Thema coronabedingte Grundsicherung aus und nimm sie mit zur Beantragung. In den FAQs wird die Ansicht des Ministeriums vertreten. Diese ist positiv für dich und der Bewilligungsbeamte muss sie auch anwenden. Wenn du mit genügend Selbstsicherheit dein Anliegen vertrittst, sollte es eigentlich klappen und das Geld fließen.

Wichtige Links:
https://www.arbeitsagentur.de/corona-faq-grundsicherung-arbeitslosengeld-2
https://www.bmas.de/DE/Schwerpunkte/Informationen-Corona/Fragen-und-Antworten/Fragen-und-Anworten-zugang-sgb2/faq-zugang-sgb2.html

Überbrückungshilfe II bald III

Die Überbrückungshilfe unterstützt nur im Bereich der Fixkosten eines Soloselbständigen. Das sind vor allem:

  • Mieten für betriebliche Räume einschließlich häuslichen Arbeitszimmern, die schon 2019 geltend gemacht wurden,
  • Leasing Firmen-Kfz,
  • Heizung und Energiekosten,
  • Lizenzverträge,
  • Kosten für die notwendige Instandhaltung, Wartung und Einlagerung von Gegenständen des Anlagevermögens (z.B. Musikinstrumenten),
  • Dauerverträge wie Telefon, Rundfunkgebühr, Künstlersozialabgabe, Kosten betrieblicher Dienstleister, wie Steuerberater, EDV-Berater, Kontoführungsgebühren und Beiträgen (Berufsorganisationen aller Art).

Der Antrag muss von einem Steuerberater gestellt werden. Die Kosten für diese Antragstellung sind ebenfalls förderfähig.

Du hast grundsätzlich Anspruch auf die Überbrückungshilfe, wenn du entweder in den Monaten von April bis August mehr als 30% an Umsatzeinbußen oder in zwei aufeinanderfolgenden Monaten mehr als 50% Umsatzrückgang im Vergleich zu diesen Zeiträumen im Vorjahr erlitten hast.

Schließlich wird die Zuschussfähigkeit für die Monate September bis Dezember monatsweise ermittelt. Dabei ergeben sich folgende Fördersätze, je nach Umsatzrückgang im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat:

  • 90 Prozent der förderfähigen Fixkosten bei Umsatzeinbruch > 70 Prozent
  • 60 Prozent der förderfähigen Fixkosten bei Umsatzeinbruch ≥ 50 Prozent und ≤ 70 Prozent
  • 40 Prozent der förderfähigen Fixkosten bei Umsatzeinbruch ≥ 30 Prozent und < 50 Prozent

Es handelt sich hier also um ein dreistufiges Prüfverfahren. Du musst zuerst schauen, habe ich überhaupt Fixkosten, die erstattet werden können, dann prüfst du, hatte ich einen entsprechenden Umsatzrückgang in den Monaten April bis August. Schließlich checkst du, ob du auch in den Monaten September bis Dezember, beziehungsweise dann Januar bis Juni entsprechende Umsatzrückgänge erwartest. Falls du alle drei Fragen mit ja beantworten kannst, suchst du dir einen Steuerberater, der den Antrag für dich stellen kann. Die Kosten des Antrags werden dann mit dem Prozentsatz aus der 3. Prüfstufe erstattet.

Wichtiger Link:

https://www.ueberbrueckungshilfe-unternehmen.de/UBH/Redaktion/DE/FAQ/FAQs/faq-liste-02.html

Novemberhilfe des BMWi

Dies ist die erste richtige Unterstützung auch für Künstler im Bereich Finanzierung des Lebensunterhaltes.

  • Beantragen können diese Hilfe Unternehmen und Betriebe, die durch den Beschluss des Bundes vom 28.10.2020 erlassenen Schließungsverordnung direkt betroffen sind. Das sind im hier interessierenden Kontext neben Restaurants und Hotels vor allem:
    • Theater, Opern, Konzerthäuser, und ähnliche Einrichtungen,
    • Messen, Kinos, Freizeitparks und Anbieter von Freizeitaktivitäten (drinnen und draußen),
  • Indirekt betroffene Unternehmen (Soloselbständige, Musiker) können die Hilfe beantragen, wenn sie nachweislich regelmäßig 80% des Umsatzes mit direkt von den Schließungsmaßnahmen betroffenen Personen/ Unternehmen/ Betrieben erzielen. Du musst also erst einmal prüfen, ob das bei dir der Fall war. Wie sah die Zusammensetzung deiner Einnahmen in 2019 und auch bis jetzt 2020 genau aus? Wenn 25% deiner Einnahmen aus Musikunterricht für Privatschüler stammen, bist du aus der Novemberhilfe raus.
  • Die Hilfe wird pro Woche der Schließung bezahlt.
  • Der Zuschuss beträgt bis zu 75% des durchschnittlichen Umsatzes im November 2019.
  • Soloselbständige können ihren durchschnittlichen Umsatz alternativ auf Basis des ganzen Jahres 2019 berechnen. Berechne also den durchschnittlichen Umsatz pro Woche im November 2019 und den Umsatz pro Woche auf Basis des Umsatzes des ganzen Jahres 2019. Den höheren Umsatz nimmst du dann als Basis für den Antrag. Wenn du im November 2020 keinen Umsatz erzielst, bekommst du pro Woche im November 75% dieses errechneten durchschnittlichen wöchentlichen Umsatzes.
  • Erzielte Umsätze im November 2020 werden angerechnet auf die Novemberhilfe, sofern der erzielte Umsatz 25% des Vergleichsumsatzes 2019 übersteigt.
  • Angerechnet werden auch andere Hilfen, wie z.B. die Überbrückungshilfe und Kurzarbeitergeld. Die Grundsicherung ist bei den Ausführungen zur Anrechnung derzeit nicht aufgeführt. Ob das heißt, dass sie nicht angerechnet wird ist für mich aber fraglich. Es sollte dich aber nicht daran hindern, die Novemberhilfe trotzdem zu beantragen, wenn du entsprechenden Umsatzrückgang hattest. Im Verfahrensablauf wird sich das klären.
  • Wenn der zu erwartende Zuschuss 5.000 € nicht übersteigt, kannst du den Antrag selbst stellen. Dazu benötigst du eine Zertifikatsdatei für das Elster-Online-Portal der Finanzverwaltung. Bitte beantrage dieses Zertifikat noch heute! Es dauert immer ein paar Tage, bis es da ist.
  • Ob die Novemberhilfe im Dezember weiterhin gilt, wenn die Schließungen weiterbestehen, bleibt zunächst offen. Ich gehe aber davon aus.

Wichtiger Link

https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/FAQ/Novemberhilfen/faq-novemberhilfen.html

Unterstützung von anderen Ministerien

  • Zuschüsse durch den Fonds Neustart Kultur: Hier sind die Mittel derzeit leider ausgeschöpft. Es kann jedoch eine email geschrieben werden, welcher Bedarf noch besteht: soziokultur@neustartkultur.de
  • Zahlreiche Ministerien der Länder bieten ebenfalls immer wieder Zuschüsse an, die im Einzelnen stark von einander abweichen. Hier kann ich dir nur empfehlen, regelmäßig die Homepage des zuständigen Kultusministerium des Landes zu überprüfen. Auch hier fordern verschiedene Ministerien auf, den bestehenden Bedarf zu benennen und zu beziffern, damit entsprechende Förderprogramme erarbeitet werden können.

Die Unterstützungen aufgrund COVID 19 durch die verschiedenen Verbände und Vereinigungen

  • Weitere Hinweise für die Unterstützung für freie Musiker und Künstler bundesweit findet ihr unter: https://kreativ-bund.de/corona Zwischenzeitlich sind zwar einige Bewerbungsfristen abgelaufen, manche sind aber auch noch offen. Scrollt mal durch.
  • Die Deutsche Orchestervereinigung hat auf ihrer Homepage interessante Informationen, auch finanzielle Unterstützungsangebote https://www.dov.org
  • Die Deutsche Orchester-Stiftung hat wie es scheint den Nothilfefonds wieder geöffnet. Beantragt werden können Beträge bis 500 €  https://orchesterstiftung.de/nothilfefonds
  • Außerdem empfehle ich dirdas deutsche Stiftungsverzeichnis nach Stiftungsgeldern zu durchsuchen: https://stiftungssuche.de

Andere derzeit neu/vermehrt entstehende Jobs

Derzeit entstehen neue Bedarfe und entsprechend werden in diesen Bereichen auch wieder Jobs angeboten. Nicht gerade im Hochpreissegment, aber zur Überbrückung und Unterstützung eventuell doch geeignet. Hier gibt es zum Beispiel Jobs im Bereich:

  • der Gesundheitsämter, die Personen suchen, die bei der Nachverfolgung der Coronainfektionsherde helfen.
  • In Krankenhäusern werden Pflegekräfte gesucht, aufgrund der drohenden übermäßigen Belegung der Intensivbetten, für die es gar kein Pflegepersonal gibt. Nun ist ein Musiker nicht unbedingt als Intensivpfleger geeignet, aber gesucht werden auch Hilfskräfte oder Personen für Botengänge und Ähnliches. Frag mal nach.
  • Neuer Bedarf entsteht bei berufstätigen Eltern, die ihre in Quarantäne befindlichen Kinder betreuen müssen. Sollte es wieder zum homeschooling kommen, kann der Bedarf noch steigen.
  • Und schließlich sind unheimlich viele alte Menschen durch die Pandemie vereinsamt. Hier müssen verstärkt Betreuungsangebote neu entwickelt werden. Vielleicht bist du ja dabei.
  • Ich könnte mir auch vorstellen, dass im Bereich Musiktherapie neuer Bedarf entsteht, da viele Menschen derzeit durch die Pandemie psychisch stark beeinträchtigt sind.
  • Außerdem hat Musikunterricht für Jung und Alt einen neuen Stellenwert eingenommen. Diese persönliche Zuwendung und Aufmerksamkeit wird von vielen Menschen stärker geschätzt als früher. Außerdem ist es eine der wenigen kulturellen Genüsse, die man auch in Zeiten des Teillockdowns zumindest virtuell nutzen kann.

Des einen trash des anderen treasure

Durchforste deine Schränke und schau, ob du nicht einiges verkaufen kannst. Diese zusätzliche Hilfsmaßnahme hat viele Vorteile. Zum einen stört sie nicht den Bezug der Grundsicherung, zum anderen kannst du auch deinen Haushalt mal wieder ordentlich ausmisten. Kleidung kann man  second hand verkaufen, Bücher über momox, die Münzsammlung, die im Schrank verstaubt, Gold, Silber, alter Schmuck, die liebe Briefmarkensammlung, die Märklin Eisenbahn, die nicht genutzte Fotoausstattung, Fahrräder, Kinderspielzeug, Motorräder, nicht mehr gebrauchte Musikanlagen, Musikinstrumente, Noten, antiquarische Bücher, altes Geschirr und Möbel, sowie sonstige Haushaltswaren, ach dem Ideenreichtum sind hier keine Grenzen gesetzt. Es gibt überall im Deutschland Geschäfte im second hand Bereich. Also raus mit dem ganzen alten Plunder. Ich mache regelmäßige Aktionen und muss sagen, da kommt schon einiges an Geld zusammen. Und das auch noch steuer- und sozialversicherungsfrei. Mit diesen Verkäufen wirst du nicht die nächsten fünf Monate überstehen, aber vielleicht Weihnachten.

Ausgaben senken

Um in der Krise finanzielle Stabilität zu erreichen, ist als zweiter Schritt die Ausgabenseite zu betrachten. Um sinnvolle Reduzierungen vornehmen zu können, empfehle ich dir zunächst eine Aufstellung all deiner Ausgaben zu machen und zwar nach Monaten.

Ausgaben Aktion Dezember Januar ….
Fixkosten        
Miete Grundsicherung      
Heizung Grundsicherung      
Strom Grundsicherung      
Wasser Grundsicherung      
Sonstige NK Wohnung Grundsicherung      
Darlehenstilgungen Schieben, Zinsen bezahlen, ggf. umfinanzieren      
KSK-Beiträge anpassen/Grundsicherung      
Steuervorauszahlungen anpassen      
Altersvorsorgeverträge beitragsfreistellen      
Zusatzkrankenversicherungen, etc. beitragsfreistellen      
Abos aller Art kündigen      
Telefon prüfen      
Leasing KfZ, etc. verhandeln      
Versicherungen (Hausrat, Haftpflicht) prüfen      
Kindergartenbeiträge Notfall KiZ      
Fortbildungskosten prüfen      
         
         
         
Variable Kosten:        
Lebensmittel selbermachen      
Kleidung reparieren      
Pflege/Kosmetik/Gesundheit kreativ sein      
Deko etc. umgestalten      
Freizeitgestaltung        

Natürlich kann es sein, dass bei dir noch weitere Kategorien vorliegen, dann füge sie einfach hinzu. Unter den „Fixkosten“ habe ich die längerfristig laufenden Verträge zusammengefasst. Sie sind deutlich schwieriger kurzfristig zu reduzieren, als variable Kosten. Einige Überlegungen zu diesem Thema habe ich nachfolgend zusammengestellt:

Fixkosten

1. Kosten der Unterkunft

Hier würde ich kurzfristig nicht über eine Veränderung nachdenken, sondern versuchen, eine Finanzierung über die Grundsicherung zu erreichen. Im Rahmen der Beantragung der Grundsicherung wird aufgrund der Coronapandemie derzeit keine Prüfung der Angemessenheit der Kosten für die Unterkunft vom Jobcenter vorgenommen. Diese Regelung gilt für die ersten 6 Monate der Antragstellung und zeitlich derzeit bis zum 31.3.2021. Ich könnte mir aber vorstellen, dass der Verzicht auf die Prüfung der Angemessenheit der Mietzahlungen noch einmal verlängert wird, wenn der Antragstellende ohne Zweifel massiv von der Pandemie betroffen ist.

Auch wenn du nicht in die komplette Grundsicherung fällst, gibt es die Möglichkeit Wohngeld zu beantragen. Das greift im Prinzip dann, wenn die Grundsicherung aufgrund zu hoher eigener Einkünfte wegfällt, die eigenen Einkünfte derzeit aber nicht ausreichen, die Wohnung zu bezahlen.

2. Die Tilgungsverpflichtung  von Darlehen

Der Erwerb der unterschiedlichsten Dinge auf Kredit ist in unserer Gesellschaft sehr beliebt: Haus-, Auto-, Einrichtungsgegenstände, selbst der Urlaub. Im Fall einer Krise  wie jetzt, lasten die Zins- und Tilgungsraten wie Zentnerpacken auf den Schultern. Zu Beginn der Coronakrise wurden die Banken gesetzlich dazu verpflichtet, die Zins- und Tilgungsraten vom 1.4.2020 bis 30.06.2020 zu stunden (sog. gesetzliches Moratorium). Die Raten wurden dann „einfach“ nach hinten geschoben.

Die einzige Möglichkeit ist im Moment, bei deiner Bank eine Aussetzung der Tilgungsraten zu beantragen. Ich würde versuchen, die Zinsen weiterzubezahlen, um so eine Erhöhung der Kreditsumme zu vermeiden. Banken sind derzeit leider nicht mehr verpflichtet, die Raten zu stunden. Folgende pauschale Argumentationshilfen fallen mir hier ein:

  1. Versuche deiner Bank einen Plan zu vermitteln, wie du die Abzahlung des Darlehens sicherstellen möchtest. Unter welchen Bedingungen kann es für dich klappen. Mit diesen hohen Raten nicht, aber wenn dir die Raten gestundet werden und dann zunächst geringer ausfallen. Die Banken sind ja auch unter Druck, was die Kooperationsfreude der Banken sicher erhöht. Wenn du mit einem Plan in die Besprechung gehst, ist das meines Erachtens  erfolgversprechender, als wenn du Hilflosigkeit vermittelst.
  2. Du hast das gesetzliche Moratorium vom 1.4.2020 bis 30.6.2020 nicht genutzt, dann schlag vor, du möchtest es jetzt nutzen.

Sollte sich deine Bank querstellen, kannst du eine Refinanzierung über eine andere Bank prüfen. In der Regel können Bankkredite nach 10 Jahren gekündigt werden, auch wenn die ursprüngliche Laufzeit eigentlich länger vereinbart war. Das ist eine Lücke, die du nutzen kannst. Ansonsten bleibt nur die Verhandlung, mit der entsprechenden Bank. Die Bank hat beispielsweise bei Zahlungsrückstand ein außerordentliches Kündigungsrecht. Dies könnte ja auch im gegenseitigen Einvernehmen ausgeübt werden. In derartigen Fällen würde ich dir aber eine rechtliche Beratung anraten, beispielsweise über die Verbraucherzentralen der Länder oder über Haus und Grund, wenn es sich um ein Immobiliendarlehen handelt.

Als Refinanzierungspotential kommt in eingeschränktem Umfang die Finanzierung über das Coronaprogramm in Betracht. Coronahilfen werden auch über Kredite angeboten, allerdings nur im betrieblichen Bereich.

3. Renten- und Krankenversicherungsbeiträge der Künstlersozialkasse

An die Künstlersozialkasse zu zahlenden Beiträge für die Renten- und Krankenversicherung können bis zum Ende eines Jahres herabgesetzt werden. Wenn du dich also noch heute hinsetzt und dein voraussichtliches Einkommen 2020 berechnest und an die Künstlersozialversicherung meldest, kannst du eine entsprechende Anpassung für die Zukunft erreichen. Für 2021 müsst ihr derzeit ja ohnehin wieder die geschätzten Einkommen melden. Sofern du dieses noch zu hoch eingeschätzt hattest, kannst du es direkt noch einmal reduzieren.

Ich würde dir empfehlen, dein Einkommen 2020 und 2021 vorsichtig realistisch zu melden, damit du nicht einen riesigen Schuldenberg vor dir auftürmst. Die Künstlersozialkasse prüft jedes Jahr stichprobenweise Künstler, die in der Künstlersozialversicherung sind. Wenn du in dieser Stichprobe erfasst bist und zu geringe Beiträge abgeführt hast, musst du die zu wenig entrichteten Beiträge bis zu 5 Jahre in die Vergangenheit nachzahlen.

Fraglich ist, ob die Soforthilfe des Bundes oder das Überbrückungsgeld auch in die Bemessungsgrundlage für die KSK-Beiträge eingeht. Da sowohl die Soforthilfe als auch das Überbrückungsgeld ausnahmslos einkommensteuerpflichtig sind, gehe ich davon aus, dass sie auch in die Bemessungsgrundlage der KSK eingehen. Dies gilt auch für die Zuschüsse für Kulturprojekte aller Art.

Sofern du Grundsicherung bewilligt bekommen hast, wird auch ein Beitrag zur Rentenversicherung und deiner gesetzlichen und privaten Kranken- und Pflegeversicherung bezahlt.

4. Steuerzahlungen

Steuervorauszahlungen können schon seit Beginn der Krise herabgesetzt werden und Steuerschulden aus dem Vorjahr können gestundet werden. Das ist grundsätzlich gut, aber kann auch dazu führen, dass du einen riesen Schuldenberg vor dir aufbaust. Deshalb empfehle ich dir, deine realistische Zusammenstellung deines voraussichtlichen Einkommens auch an das Finanzamt zu schicken, damit die Vorauszahlungen entsprechend festgesetzt werden. Sollte sich daraus zum 10.12. eine Einkommensteuervorauszahlung ergeben, die du nicht finanzieren kannst, besteht diesbezüglich die Möglichkeit einer Stundung. Bitte denk daran, dass alle Zuschüsse aus den Coronahilfen einkommensteuerpflichtig sind.

Jetzt wäre auch der Zeitpunkt, deine Steuervorauszahlungen für 2021 an ein vorsichtig realistisch eingeschätztes Einkommen 2021 anpassen zu lassen. Wenn du das aktiv beantragst beim Finanzamt, werden diese Vorauszahlungen nicht durch einen Steuerbescheid der Vorjahre verändert. Es schnallt die Vorauszahlung also nicht einfach überraschend wieder hoch.

Die Steuerschulden des Vorjahres können ebenfalls schon seit Beginn der Krise gestundet werden. Falls du diese Schulden nach Berechnung deiner Finanzlage voraussichtlich derzeit nicht abbezahlen kannst, hast du die Möglichkeit eine zinsfreie Stundung zu beantragen. Die Stundung endete bislang am 31.12.2020. Sollten für die Stundung  hohe Stundungszinsen von 6% pro Jahr festgesetzt werden, musst du unbedingt dagegen vorgehen. Von einer Verlängerung dieser Stundungsmöglichkeit habe ich leider bislang noch nichts vernommen. Eine entsprechende Beantragung kannst du dennoch versuchen. Achte auf die Zinslosigkeit der Stundung!

Grundsätzlich ist es durch die Coronaregelungen auch möglich, einen pauschalen Verlustrücktrag aus dem Jahr 2020 in das Vorjahr 2019 vorzunehmen. Solltest du in 2020 wirklich Verluste aus deiner beruflichen Tätigkeit erwarten, ist dies eine sehr gute Möglichkeit die Liquidität aufzubessern. Allerdings ist es bei Musikern eher unüblich, dass tatsächlich Verluste entstehen. Ich rate dir ab, einen unrealistischen Verlustrücktrag in das Vorjahr zu beantragen, nur um aus der Steuererstattung Liquidität zu generieren. Das erhöht nur deinen Schuldenberg und irgendwann weist du gar nicht mehr, wo du überall Schulden hast.

5. Altersvorsorgeverträge und sonstige nicht zwangsläufig notwendige Versicherungen

Diese Versicherungen können in der Regel für eine Zeit beitragsfrei gestellt werden. Eine entsprechende Prüfung dieser Möglichkeit würde ich dir empfehlen.

6. Abos aller Art

Alle Abos, die kündbar sind, einfach kündigen. Vielleicht besteht ja ein Sonderkündigungsrecht. Falls nicht, bist du den Vertrag wenigstens am Ende der Kündigungsfrist los. Bezüglich der Kündigung von Abos würde ich mich ebenfalls an die Verbraucherzentralen wenden. Diese können dir im Hinblick auf die Kündigung von Verträgen rechtlich haltbare Empfehlungen geben. Nicht alles, was abgeschlossen wurde ist ja auch wirklich rechtsgültig abgeschlossen. Setz hier wirklich radikal die Schere an.
 
Unter Abos verstehe ich nicht nur das klassische Zeitschriften, Zeitungs-, Musik- und Fitnessclubabo, sondern auch Beiträge zu den verschiedensten Vereinen und Verbänden. Trete jetzt aus. Wenn es dir nächstes Jahr finanziell wieder bessergeht, kannst du wieder eintreten oder etwas spenden.

7. Telefon und Internetverträge

Bitte prüfe die Kosten aller deiner Telefon-, Internet-  und Kabelverträge. Brauchst du sie wirklich, z.B. Festnetz? Kann man die Leistung zeitnah auch durch einen günstigeren Vertrag ersetzen. Dann würde ich dir eine Vertragsänderung empfehlen, um dich für die Zukunft zu rüsten.

8. Leasingverträge

Ja, man weiß, dass man diese Verträge in der Regel nur schwer und unter hohen Kosten wieder los wird. Dennoch empfehle ich dir, dich damit zu befassen. Für ein betrieblich verursachtes Leasing, z.B. Leasing eines Betriebs-Kfz kannst du ggf. die Überbrückungshilfe in Anspruch nehmen.

Für private Leasingverträge bleibt nur, sich erst bei den Verbraucherzentralen zu informieren und dann die Verhandlung mit dem Leasinggeber zu suchen. Evt. kannst du den Vertrag überraschend doch kündigen, oder du kannst ihn stilllegen?

9. Hausratversicherung, Haftpflichtversicherung, etc.

Auch diese sollten von einer Überprüfung nicht ausgeschlossen werden. Ja man braucht sie und kann sie nicht einfach kündigen, ggf. kann man aber zu einer günstigeren wechseln.

10. Kindergartenbeiträge und Kinderkosten

wenn du ohnehin beim Jobcenter deine Grundsicherung beantragst, kannst du dort auch den sog. Notfall KiZ beantragen. Das ist ein Kinderzuschlag in Höhe von 185 € pro Monat pro Kind, wenn das Geld für die Begleichung der Lebenshaltungskosten nicht ausreicht. Diesen Notfall KiZ kannst du auch beantragen, wenn du zwar genug Einkommen hast, um dich selbst zu versorgen, nicht aber die Kinder. Also du siehst, die Grundsicherung ist wie ein Baukastensystem, mit verschiedenen Angeboten.

Variable Kosten

Selber machen, umgestalten, umwidmen, reparieren

Bei den variablen Kosten bist du zum Glück etwas freier und nicht an längerfristige Verträge gebunden. Grundsätzlich hilft bei der Reduzierung variabler Kosten: selber machen, umgestalten, umwidmen, kreativ werden, kostenfreie Angebote nutzen, reparieren. Das muss nicht immer spaßfrei und öde sein. Neue Wege zu gehen, kann auch viel Spaß machen. Im Internet, auf Blogbeiträgen und Youtube-Videos gibt es Unmengen von Vorschlägen, Ideen und Ratschlägen zu diesen Themen.  Kostenfreie Rezepte, Sportvideos, Bastelanleitungen für Weihnachten, thrift flipp, Reparaturhilfen, etc., etc. etc.


Budget

Um die variablen Kosten in den Griff zu bekommen, hilft vor allen Dingen, sich ein fixes, unumstößliches, unbedingt einzuhaltendes Budget zu setzen. Ich weiß, das hat bei Künstlern den gleichen Ruf wie Fußpilz, aber….

Nachdem du meinen Einnahmenbeitrag und meinen Ausgabenbeitrag durchgearbeitet hast, solltest du eine Aufstellung deiner monatlichen Einnahmen und eine Aufstellung deiner verbleibenden monatlichen Fixkosten erstellen. Was dann noch an Liquidität übrig ist, wird auf die variablen Kosten verteilt. Ist nichts mehr übrig an liquiden Mitteln um Lebensmittel zu kaufen, musst du die Schleife Einnahmen erhöhen und Ausgaben senken noch einmal durchlaufen. Es ist ein ganz normaler Prozess, dass man diese Schleifen mehrfach durchlaufen muss, bis ein gutes Ergebnis gefunden wurde. Überhaupt ist Finanzplanung immer ein Prozess, keine statische Aufstellung.

Bei der Budgetfessetzung für deine variablen Kosten kannst du nach deinen persönlichen Vorlieben vorgehen. Dem einen fällt es leicht, bei den Kosten der Fitness zu sparen, der andere kann eher auf einen Friseur oder neue Kleidung verzichten.

Verteile die verbleibende monatliche Liquidität nach deinen Bedrüfnissen auf die verschiedenen Kategorien von variablen Kosten und setze dir ein Budget. Da ein monatliches Budget z.B. für Lebensmittel schwer zu kalkulieren ist, empfehle ich dir, ein wöchentliches Budget festzusetzen. Das ist viel leichter einzuhalten. Häng dir einen Zettel an den Kühlschrank, wo pro Kategorie und Woche notiert ist, wieviel du ausgeben darfst. Trag nach jedem Einkauf sofort ein, was du ausgegeben hast und ermittle vor allem sofort, was du noch ausgeben kannst in dieser Woche. Dieser Betrag wird dir in Erinnerung bleiben und du läufst nicht so leicht Gefahr, zu viel auszugeben.

Ein Tipp, der von allen Sparprofis immer wieder angepriesen wird: Geh nur einmal in der Woche einkaufen. That´s it. Gehst du jeden Tag ein bisschen einkaufen, brauchst du doppelt so viel Geld.

Schlussbemerkung:


Es ist nicht leicht, mit stark gesunkenen Einnahmen zu haushalten. Wenn du aber anfängst deine Finanzen zu planen und dir dauernd einen Überblick verschaffst, wird dir das Sicherheit geben. Du wirst nicht mehr ständig in Unklarheit leben, wie du finanziell über die Runden kommen sollst. Im ersten Schritt wirst du sehen, wie eng es ist und was am meisten drückt. Dann kannst du fokussiert an diesem Punkt erst mal arbeiten. Danach kommt der zweite dran. Das kann Ängste deutlich reduzieren. Natürlich wird es immer wieder Rückschläge geben, unvorhergesehene Ausgaben zum Beispiel. Aber dann lass dich nicht aus der Bahn werfen und alles in Frage stellen, sondern passe deine Finanzplanung an. Und dann geht es wieder weiter…..