Aufräumen nach der Coronakrise: Wie bekommst du deine steuerliche Situation wieder in den Griff

In den letzten Monaten seit Beginn der Coronakrise ist alles etwas durcheinander geraten. Da für viele Selbständige die Einkommensgrundlage weggebrochen war, hat sich das Finanzamt großzügig gezeigt und die Steuerschulden für die vergangenen Jahre gestundet und für die Steuervorauszahlungen die Möglichkeit eröffnet, diese ohne weitere Erläuterungen auf EUR 0,00 herabsetzen zu lassen. Das war im ersten Schritt toll und hilfreich, aber viele stehen jetzt vor diesen „Altlasten“ und müssen mit ihnen umgehen. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass die ganzen Coronahilfen der Einkommensteuer unterliegen, da sie meines Erachtens betriebliche Einnahmen sind und damit steuerpflichtig.

Erst mal einen Überblick verschaffen

Um aus der Misere herauszukommen, gibt es immer nur einen Weg: verschaff dir erst mal einen Überblick, wo du eigentlich stehst. Stelle also zunächst deine noch offenen Steuerschulden zusammen:  

Mögliche offene Posten können hier sein:

  • die Einkommensteuernachzahlung für 2020, oder sogar noch aus Vorjahren,
  • Einkommensteuervorauszahlungen für das laufende Jahr, evt. auch noch für Vorjahre?
  • Was ist als potentielle Nachzahlung für das laufende Jahr zu erwarten?

Falls du umsatzsteuerpflichtig bist, kommen noch folgende Positionen hinzu:

  • die Umsatzsteuerabschlusszahlung des Vorjahres oder aus früheren Jahren, sofern diese noch offen stehen,
  • Umsatzsteuervorauszahlungen für das Vorjahr oder frühere Jahre, sofern du diese noch nicht bezahlt hast,
  • aktuelle Umsatzsteuervorauszahlungen.

Jetzt zügig die Steuererklärung 2020 erstellen

Sofern noch nicht erledigt, empfehle ich dir, deine Steuererklärung 2020 schnellstmöglich zu machen. Die Frist zur Einreichung der Steuererklärung 2020 wurde auf den 31.10.2021 verlängert, sofern du nicht steuerlich beraten bist. Es wird also ohnehin langsam Zeit. Sofern du deine Steuererklärung selbst machst, erfährst du über die Erfassung im Elsterformular, wie hoch deine Steuerschuld für 2020 ist.

Verschiedene Wege deine Steuerschulden zu ermitteln

Falls du Schwierigkeiten hast, alle deine Steuerschulden aus den dir vorliegenden Unterlagen zusammenzustellen, kannst du beim Finanzamt einen Ausdruck deines Steuerkontos anfordern. Die Mitarbeiter des Finanzamtes senden dir dieses gerne zu. Dann weißt du definitiv was noch offen steht. Sofern du Schwierigkeiten hast, das Steuerkonto zu verstehen (es ist nicht so wirklich übersichtlich) kannst du es mit einem Mitarbeiter der Finanzkasse durchgehen, damit du genau siehst, was noch offen ist. Auf einer eventuell vom Finanzamt präsentieren Mahnung sind nur die fälligen Steuerschulden enthalten. Im Rahmen von Corona gestundete Steuerschulden werden dort nicht aufgeführt und dürfen von dir nicht vergessen werden. Steuerschulden, die erst in Zukunft entstehen, also die Vorauszahlung für das 4. Quartal 2021 oder die zu erwartende Steuernachzahlung 2021 sind weder in der Mahnung, noch im Steuerkonto enthalten. Daran musst du selbst noch denken.

Beispiel für eine Aufstellung der Steuerschulden

Einkommensteuernachzahlung 20203.700 €
Einkommensteuernachzahlung 20192.100 €
Einkommensteuervorauszahlungen 1. bis 3. Q 20216.000 €
Einkommensteuervorauszahlung 4. Q2.000 €
Voraussichtliche Einkommensteuerschuld 2021   900 €
GESAMT14.700 €

Oh weia, das ist unerfreulich. In diesem Beispiel gehe ich davon aus, dass du von der Umsatzsteuer befreit bist, ansonsten musst du genau nach diesem Schema auch noch eine Aufstellung für die Umsatzsteuer machen.

Wie kannst du die Bezahlung dieser Steuerschulden finanzieren?

Wenn du dir nun einen Überblick über die Steuerschulden verschafft hast, solltest du dir Maßnahmen überlegen, wie du diese Steuerschulden tilgen kannst:

Bilde Steuerrücklagen für die noch nicht fälligen Steuerschulden


Für die 4. Vorauszahlung (fällig am 10.12.2021) sowie die Schlusszahlung solltest du bereits in 2021 eine Steuerrücklage bilden. Wie du diese berechnen kannst stelle ich im Artikel Steuerrücklage richtige berechnen dar. Ich weiß, dass die Verlockung sehr hoch ist, hier einfach die Vorauszahlung auf 0 € herabsetzen zu lassen und zu denken, die Steuerschuld 2021 muss ich ja erst Ende 2022 zahlen. Da kümmere ich mich später darum. Damit schiebst du die Flutwelle der geschuldeten Steuerzahlungen jedoch nur vor dir her, anstatt jetzt einmal die Kräfte zu bündeln, und wieder Ordnung zu schaffen. Also: vorrangig bildest du Rücklagen für die 4. Einkommensteuervorauszahlung und die Steuerschuld des aktuellen Jahres.

Stundungsvereinbarung mit dem Finanzamt verhandeln

In einem zweiten Schritt verhandelst du für alle Steuerschulden, die bereits fällig sind, eine Stundungs- und Tilgungsvereinbarung mit dem Finanzamt. Im vorstehenden Beispiel sind EUR 11.900 € bereits fällig, also alle Steuerschulden, bis auf die 4. Vorauszahlung 2021 und die potentielle Schlusszahlung. Derzeit ist die Zinsfreiheit für Steuerschulden, die aufgrund der Coronakrise nicht bezahlt werden konnten ausgelaufen. Dennoch würde ich hier auf jeden Fall eine Zinsbefreiung beantragen. Ich hoffe, dass diese Zinsfreiheit noch verlängert wird.  

Lege für dich Tilgungsraten fest, die du leisten kannst und unterbreite und begründe diese gegenüber dem Finanzamt

Nachdem du die Steuerrücklagen für die noch anstehenden Steuern 2021 und auch 2022 berechnet hast, machst du dir Gedanken, wieviel du monatlich noch zusätzlich von den anderen ausstehenden Steuerschulden bezahlen kannst.  100 €, 200 €, 500 €? Sobald du diesen Betrag ausgerechnet hast, reichst du beim Finanzamt einen Stundungsantrag ein.

Ein Stundungsantrag muss einige Formerfordernisse erfüllen

Zum einen musst du Ausführungen zum Grund der Entstehung der Steuerschulden (Corona) machen. Schreibe hier ein kurzes Statement zu deiner ganz persönlichen Situation.

Als zweites musst du Ausführungen zu deiner Stundungswürdigkeit machen. Hier kannst du einen Satz einfügen wie: „ Ich bin stundungswürdig, weil ich in den Vorjahren meinen Steuererklärungspflichten  immer pünktlich und umfassend nachgekommen bin und auch meine Steuern immer fristgerecht bezahlt habe.“

Schließlich musst du ausführen, welche Steuern offen sind (s.o.) und wie du sie abbezahlen willst, also entsprechend deiner Tilgungsvorstellung.
 

Nachdem du dieses Schreiben auf den Weg gebracht hast, heißt es abwarten.

Das Finanzamt trifft in der Regel nur Tilgungsvereinbarungen für 6 Monate

In der Regel stundet das Finanzamt die Steuerschulden immer nur für 6 Monate und das auch nur verzinst. Aber hier gibt es zwei gute Nachrichten:

Das Finanzamt hat bisland coronabedingt zinsfrei gestundet. Diese Vereinbarung ist leider am 30.6. abgelaufen. Ich würde aber dennoch einen Antrag auf Zinsfreiheit stellen. Evt. wird die Regelung noch verlängert.

Sollte das Finanzamt aufgrund der Dauer der Tilgungsvereinbarung nicht zinsfrei stunden, dann hat das Bundesverfassungsgericht gerade jetzt beschlossen, dass 6% Zinsen per anno in einer 0% Zins-Zeit nicht sachgerecht sind. Das Gericht hat die Finanzbehörden verpflichtet, ab 2019 die Zinsen niedriger festzusetzen.

Erneuter Stundungsantrag, wenn die 6 Monate um sind

Wenn das Finanzamt die Steuerschulden für 6 Monate stundet, wird es meistens deiner Stundungsanfrage folgen und den Restbetrag am Ende der Stundungszeit fällig stellen. Du kannst nach Ablauf der 6 Monate dann wieder eine Stundung des Restbetrages beantragen, nach obigem Schema. Aber es ist auch ganz klar, dass das Finanzamt dem nur folgen wird, wenn du die Stundungsvereinbarung der ersten 6 Monate ganz genau eingehalten hast. Und natürlich ist es auch so, dass das Finanzamt umso ungeduldiger wird, je länger die Stundungsfrist ist.

Im Notfall: Eine Darlehensfinanzierung prüfen

Falls das Finanzamt die Steuerschuld nicht zinslos oder gar nicht stunden will, kannst du in Höhe der Steuerschulden ein Darlehen aufnehmen und dieses nach und nach abbezahlen. Versteht mich bitte richtig. Ich bin absolut kein Freund davon, Steuerzahlungen durch Darlehensaufnahmen zu finanzieren. Aber man muss auch zugestehen, dass du in den letzten anderthalb Jahren einer ziemlich einmaligen Situation gegenübergestanden bist, die du zunächst meistern musstest und nun aufräumen musst.

Abgesehen davon ist die Aufnahme eines Darlehens ohne Sicherheiten nicht leicht. Auch ist absolut darauf zu achten, dass der Zinssatz des Darlehens die Stundungszinsen des Finanzamtes nicht überschreitet. Derzeit lag der Stundungszinssatz des Finanzamtes bei 6%. Durch den Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes sollte er sinken. Sollte der Darlehenszins darüber liegen, würde ich immer das Gespräch und die Auseinandersetzung mit dem Finanzamt suchen. Die Finanzbeamten sind in der Regel gesprächsbereit.

Vielleicht besteht auch im privaten Umfeld die Möglichkeit ein Privatdarlehen zu erhalten, das du dann entsprechend deiner Belastungsmöglichkeiten abbezahlen kannst.

Was du auf jeden Fall verhindern solltest!

Was du auf jeden Fall verhindern solltest und deshalb empfehle ich dir auch die Notfall-Darlehensfinanzierung: deine Steuern einfach so offen stehen lassen und auf der Basis von Mahnungen nach und nach zu bezahlen. Dadurch entstehen beachtliche Säumniszuschläge, die man in diesem ohnehin schwierigen und belastenden Umfeld nicht auch noch braucht. Das Finanzamt wird mit der Zeit auch immer unwirscher und wird die Zwangsvollstreckung einleiten, diese kann mit einer Kontenpfändung einhergehen. Sehr sehr unangenehm. Deshalb: Gespräch mit dem Finanzamt suchen, Tilgungsvereinbarung treffen!

Exzellente Idee: Einnahmen erhöhen, Ausgaben senken

Um die Steuerschulden zeitnah abbezahlen zu können und dann wieder schuldenfrei in die Zukunft zu starten, solltest du zwei weitere Schritte ganz intensiv in Erwägung ziehen:

  • Einkommen erhöhen
  • Ausgaben senken

Setz dort an, wo es für dich am wenigsten schmerzhaft ist. Besonders empfehlenswert sind:

Einnahmenerhöhung über einen Minijob

Bei einem Minijob kannst du bis zu 450 EUR im Monat verdienen. Alle Steuern und Sozialabgaben werden vom Arbeitgeber bezahlt. Das ist natürlich sehr interessant, denn du bekommst das Geld praktisch bar auf die Hand. Mit einem Minijob kannst du bis zu 5.400 € pro Jahr verdienen und diesen Betrag in den Steuertilgungstopf investieren. Wenn du deine Honorare oder sonstige Einnahmen erhöhst, bzw. Betriebsausgaben senkst, musst du immer die steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen Belastungen daraus mitbedenken. Das macht es schwieriger, aber natürlich trotzdem ist ein mehr an Einnahmen auch in diesem Bereich sehr hilfreich.

Eine Tätigkeit als nebenberuflich tätiger Künstler

Eine Tätigkeit aufnehmen, die als Übungsleitertätigkeit im Sinne des § 3 Abs. 26 EStG gilt und ebenfalls steuer- und sozialversicherungsfrei ist. Derzeit kannst du bis zu 3.000 € aus Übungsleitertätigkeit einnehmen, ohne Abgaben zu bezahlen. Dabei ist auch die nebenberuflich ausgeübte künstlerische Tätigkeit abgabenfrei. Wenn du also für eine öffentliche oder gemeinnützige Einrichtung etwas Künstlerisches ausüben kannst, was nicht deiner hauptberuflichen künstlerischen Tätigkeit entspricht, dann wäre das sehr gut. Hier findest du verschiedene Beispiele in meinem online Kurs Steuern DIY.

Weitere Einnahmequellen

Es gibt zahlreiche weitere Einkommensquellen, die aufgrund besonderer Förderwürdigkeit steuer- und abgabenfrei sind, beispielsweise der gesamte Blut- und Plasmaspendenbereich, oder die Teilnahme an Gesundheitsstudien und so weiter.

Ausgaben vor allem im privaten Bereich senken

Zu diesem Themenbereich gibt es auf youtube, tiktok und Instagram tausende von Ideen und Hinweise. Finde das Passende für dich. Mach eine Challenge daraus, versuch es nicht zu krampfhaft zu gestalten, sondern als Chance, auch mal neue Wege auszuprobieren. Für mich ist es immer besonders effizient, beim Essen zu sparen. Nicht ins Restaurant gehen, selbst kochen,  bevorzugt günstige aber gesunde, unbehandelte Lebensmittel zu verwenden. Für mich als Dachtraufschwabe ist  Linsensuppe immer ein Gericht, das den Geldbeutel schont und richtig gut schmeckt. Auf Wunsch habe ich ein tolles Rezept. Toll auch von Tom Hodgkinson: Das Buch der hundert Vergnügungen (die alle nichts oder fast nichts kosten).

Noch Fragen?

Ich kann dir nur ans Herz legen Angst und Unsicherheit in Bezug auf das Aufräumen im Steuerbereich hinter Dir zu lassen und es als Challenge zu sehen, als Herausforderung, die auch Spaß machen kann. Das Endergebnis ist auf jeden Fall höchst erfreulich: Nämlich ein gutes Stück auf dem Weg zu finanzieller Freiheit! Schau immer wieder auf diesen Blog. Ich werde in nächster Zeit einige Artikel zum Thema Finanzen hier einstellen und würde mich freuen, wenn dir der eine oder andere auf deinem Weg zum Erfolg hilft.

c steve pb

Steuerrücklage für die Einkommensteuer richtig berechnen und bilden!

Dieses Thema beschäftigt viele meiner Mandanten und damit auch mich in letzter Zeit wieder sehr intensiv. In der Coronakrise zeigten die Finanzbehörden großes Entgegenkommen. Sie haben steuerliche Schulden zinslos gestundet und Vorauszahlungen ohne größere Ausführungen auf  
0 € herabgesetzt. Leider ist die steuerliche Rücklagenbildung bei vielen Selbständigen dadurch in Vergessenheit geraten. Das Problem ist nur: die Steuerzahlungen kommen auf jeden Fall. Deshalb ist es nun wieder höchste Zeit, in die steuerlichen Belange Ordnung zu bringen. Ich lege dir ans Herz einen ganz wichtigen Grundsatz für beruflichen Erfolg wieder strikt zu befolgen:

Bilde in dem Jahr die steuerliche Rücklage, in dem du das Einkommen erzielst!

Bilde also aus jedem Euro an Einnahmen gleich eine steuerliche Rücklage auf einem gesonderten Unterkonto.

Die Frage ist nur wie? In welcher Höhe ist die Steuerrücklage zu bilden? Dabei spreche ich hier nur von der Einkommensteuer und werde für die Umsatzsteuer einen gesonderten Artikel verfassen. Das Problem an der sachgerechten Bildung einer Steuerrücklage ist, dass sich die Einkommensteuer auf das zu versteuernde Einkommen berechnet und das ist immer so kompliziert zu ermitteln. So bist du schnell dazu verleitet, lieber keine richtige Steuerrücklage zu bilden, weil das eh zu kompliziert. Es wird irgendwie ein bisschen was zurückgelegt, was selten ausreicht. Außerdem besteht immer eine Unsicherheit, ob es reichen wird. Ich möchte dir hier ein Verfahren vorstellen, das dem Prinzip

keep it short and simple

entspricht. Dann besteht auch eine echte Chance, dass du die Rücklagenbildung wirklich durchziehst.

Relativ gleichbleibendes Einkommen?

Wenn du in der Regel ein relativ gleichbleibendes Einkommen erzielst, weil du beispielsweise fast ausschließlich Musikunterricht an eine bestimmte Anzahl von Schüler erteilst oder immer gegenüber den gleichen Auftraggebern tätig wirst, dann ist die Bildung der Steuerrücklage relativ einfach. Du greifst auf den Steuerbescheid des Vorjahres zurück, teilst die dort festgesetzte Steuerschuld durch zwölf und schon hast du den Betrag, den du monatlich deiner Steuerrücklage zuführen musst. Diesen Betrag transferierst du am 15. jeden Monats auf ein Unterkonto, das nur für Steuerzahlungen verwendet wird. Alle drei Monate (am 10.3., 10.6., 10.9. und 10.12. eines Jahres) ist die Steuervorauszahlung fällig. Rechtzeitig vor diesem Zeitpunkt transferierst du die Steuervorauszahlung vom Unterkonto auf das laufende Girokonto und lässt von dort die Einkommensteuervorauszahlung abbuchen.

Leider kommt es nur sehr selten vor, dass Selbständige ein gleichbleibendes Einkommen erzielen. Der Normalfall ist, dass die Aufträge von Selbständigen schwanken und damit auch die Steuerschuld.

Schwankendes Einkommen?

Bilde die Steuerrücklage auf Basis der Einnahmen

Naturgemäß wird diese Form der Rücklagenbildung die tatsächliche Steuerschuld nicht genau treffen, aber sie hat den Vorteil, dass sie relativ übersichtlich für dich ist. Diese Berechnung der Steuerrücklage eignet sich nur für die Soloselbständigen, die bis auf ein paar allgemeine Kosten (Telefon, Bürobedarf, Werbung, Reisen, Arbeitszimmer bis 1.250€) praktisch keine Kosten haben. Davon gibt es aber sehr viele, wie sich gerade im Rahmen der Beantragung der Coronazuschüsse erwiesen hat.

Für die nachfolgende Tabelle gehe ich davon aus, dass du nur Einnahmen aus selbständiger Tätigkeit hast. Deine gesamte Steuerschuld musst du selbst zurücklegen und über Steuervorauszahlungen an das Finanzamt abführen. In diesem Fall bildest du aus  jedem Euro den du einnimmst eine Rücklage zu einem bestimmten %-Satz.

Wende diese %-Sätze an:

EINNAHMENEinkommensteuerrücklage in %Kirchensteuerpflichtig? Zusätzlich
Bis 11.000 €0 
Bis 22.000 €11%1%
Bis 33.000 €17%1,5%
Bis 44.000 €21%2%
Bis 55.000 €25%2 %
Bis 66.000 €27%3%
Bis 77.000 €30%3%
Bis 100.000 €32%3%

Bei dieser Art der Steuerrückstellung legst du immer direkt von jeder Einnahme, die reinkommt den entsprechenden Prozentsatz zur Seite. Wenn du also mit Einnahmen in Höhe von 33.000 € für das Jahr rechnest, legst du schon für die erste Einnahme von beispielsweise 1.000 € im Januar 170 € für die Einkommensteuer zurück. Nur so kann es funktionieren.

Überraschende Einnahmen im laufenden Jahr: Was tun bei der Steuerrücklage?

Wenn du im Laufe des Jahres feststellst, dass du glücklicherweise wohl doch eher 44.000 € einnehmen wirst, musst du die bislang zu wenig zurückgelegte Steuer mit der nächsten Einnahme nachholen. Beispielsweise hast du bis Juli gedacht, dass du in diesem Jahr nur 33.000 € einnehmen wirst. Bis Juni hast du 20.000 € eingenommen. Als Rücklage hast du entsprechend richtigerweise bislang 3.400 € gebildet. Nun kommt überraschend eine größere Einnahme von 5.000 € und du musst/darfst deine Einnahmenprognose auf 44.000 € für das laufende Jahr erhöhen. In diesem Fall hättest du für die ersten 20.000 € schon 4.200 € zurücklegen müssen. Es fehlen als 800 € in der bisherigen Steuerrücklage. Für die aktuellen Einnahmen von 5.000 € musst du zusätzlich noch 21% zurücklagen, also 1.050 €. Insgesamt musst du also 1.850 € von den 5.000 € der Steuerrücklage zuführen. Ja, das ist schmerzhaft. Aber genau das wird das Finanzamt von dir fordern. Grund dafür ist der progressive Steuertarif.

Steuerrücklage, wenn du die selbständigen Einkünfte nur im Nebenberuf erzielst?

Erzielst du vor allem oder auch Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit, dann sind diese Einkünfte schon der Lohnsteuer unterworfen. Du musst dafür nicht noch einmal eine Steuerrücklage bilden. Für die nebenberuflichen Einkünfte aus selbständiger Tätigkeit musst du aber dennoch Geld für die anfallenden Steuern zurücklegen. Hier empfehle ich dir folgende Berechnungsweise:

%-Satz bei nebenberuflichen selbständigen Einkünften

Gehalt Einnahmen aus selbständiger TätigkeitEinkommensteuerKirchensteuer
10.000 €11.000 €11%1%
10.000 €22.000 €17%1,5%
10.000 €33.000 €21%2%
10.000 €44.000 €25%2%
    
20.000 €11.000 €17%1,5%
20.000 €22.000 €21%2%
20.000 €33.000 €25%2%
20.000 €44.000 €27%3%
    
30.000 €11.000 €21%2%
30.000 €22.000 €25%2%
30.000 €33.000 €27%3%
30.000 €44.000 €35%3%
    
40.000 €11.000 €25%2%
40.000 €22.000 €27%3%
40.000 €33.000 €35%3%
40.000 €44.000 €40%3%

Sofern dein Gehalt 50.000 € erreicht empfehle ich dir für jeden zusätzlich eingenommenen Euro 42% an Steuerrücklage zu bilden. Beschwerden bitte ans Finanzministerium und nicht an mich.

Bei den von mir vorgeschlagenen Rücklagensätzen gibt es ein paar Unschärfen, aber es handelt sich hier ja auch nur um eine Rücklage, die nur die ungefähre Steuerschuld abbilden soll. Besser ist es auch, wenn die Steuerrücklage eher etwas zu hoch ist als zu niedrig. Sie sollte aber nicht so hoch sein, dass sie dir praktisch die Luft abschnürt. Ich denke, mit den von mir errechneten Prozentsätzen solltet ihr relativ gut in diesem Rahmen liegen. Probiert es mal aus und gebt mir bitte Rückmeldung, welche Erfahrungen ihr damit gemacht habt.

Was tun, wenn du relativ hohe und/oder relativ schwankende Betriebsausgaben hast?

Die in obigen Beispielen von mir errechneten Prozentsätze berücksichtigen nur geringe Betriebsausgaben. Es hat sich in meiner Praxis gezeigt, dass es eine große Anzahl von Soloselbständigen gibt, die im Prinzip nur sehr wenige Betriebsausgaben vorweisen können. Solltest du für die Erzielung deiner Einnahmen erhebliche Ausgaben aufwenden, weil du zum Beispiel etwas produzierst, dann sind diese Prozentsätze für die Steuerrücklage zu hoch. In diesem Fall bleibt dir nichts anderes übrig, als in einer richtigen Finanzplanung den voraussichtlichen Gewinn zu ermitteln und daraus das zu versteuernde Einkommen abzuleiten. Hierzu werde ich demnächst ebenfalls einen Artikel veröffentlichen.

Wie berechnest du die Steuerrücklage beim Splittingtarif?

Um die Sache einfach zu halten, berechnet jeder für sich die Steuerrücklage nach obigem Schema. Nur wenn einer viel verdient und der andere sehr wenig, dann addiert ihr alle Einnahmen zusammen und teilt sie durch zwei. Den sich für dieses Einkommen ergebende Prozentsatz wendet ihr auf jede Einnahme aus selbständiger Tätigkeit an.

Die Steuerrücklagen sind dir zu hoch!

Eine Steuerbelastung von 42% (plus gegebenenfalls Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer) ist dir zu hoch, dann solltest du überlegen, dein Unternehmen als GmbH oder Unternehmergesellschaft (UG) zu führen. Dies ist jedoch nur dann wirklich sinnvoll, wenn du das Geld oder zumindest einen Teil der Einkünfte aus selbständiger Tätigkeit nicht für deine laufenden Lebenshaltungskosten benötigst. Eine gewerblich tätige GmbH oder UG unterliegt einer Gesamtsteuerbelastung von ungefähr 30%, also deutlich weniger. Das gilt aber nur dann, wenn der Gewinn in der Kapitalgesellschaft verbleibt. Sofern du deinen Einnahmenüberschuss zur Finanzierung deiner Lebenshaltungskosten über ein Gehalt entnehmen musst, bleibt es bei oben angeführten Einkommensteuersätzen.