1.2 | Finanzen sicher im Griff

Mit Steuerrücklagen behältst du deine Finanzen sicher im Griff.

Nach 15 Jahren Erfahrung im Bereich der Beratung von selbständigen Künstlern und Gewerbetreibenden kann ich dir nur dringendst raten: Lege aus jeder Einnahme einen bestimmten Betrag für die Steuerzahlungen zurück. Schiebe das nicht vor dir her, sondern zweige diesen Betrag sofort ab und lege ihn auf ein entsprechendes (möglichst kostenfreies) Unterkonto deines Girokontos.

Einkommen unter dem Grundfreibetrag

Nur wenn du nach einer gründlichen Ermittlung deiner Einkünfte für das Jahr davon ausgehen kannst, dass dein Einkommen den gesetzlichen Grundfreibetrag für dieses Jahr nicht übersteigen wird, brauchst du keine Steuerrücklage zu bilden. Der Grundfreibetrag für das Jahr 2021 liegt bei einem zu versteuernden Einkommen in Höhe von 9.744 € für Ledige und 19.488 € für Verheiratete.  Für das Jahr 2022 steigt der Grundfreibetrag auf 9.984 € für Singels und 19.968 € für Verheiratete. Das zu versteuernde Einkommen ermittelt sich als Summe aller Einkünfte aus den verschiedenen Einkünftekategorien (Selbständige Einkünfte, nichtselbständige Einkünfte, Einkünfte aus Gewerbebetrieb, eventuell vorhandene Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung, etc.) abzüglich verschiedener sonstiger Beträge, wie beispielsweise Renten- und Krankenversicherungen, Sonderausgaben, außergewöhnlichen Belastungen.

Rücklagenbildung im Einzelnen

Nach Überschreiten des Grundfreibetrags beginnt der Grenzsteuersatz bei 14% und steigt relativ rasch an, bis er bei einem zu versteuernden Einkommen von 57.918 € 42% erreicht (Spitzensteuersatz). Ab einem zu versteuernden Einkommen in Höhe von 274.613 € kommt die Reichensteuer zur Anwendung, d.h. der Steuersatz steigt auf 45%. Dazu kommen ggf. Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer.

Der Solidaritätszuschlag entfällt ab 2021 für die meisten Steuerpflichtigen. Bis zu einem Einkommensteuerbetrag für Ledige in Höhe von 16.596 € beziehungsweise 33.912 € für Verheiratete fällt kein Solidaritätszuschlag mehr an. Danach beginnt eine Überganszone in der der Solidaritätszuschlag gemindert beginnt. Erst bei Überschreiten einer Einkommensteuer in Höhe von 96.409 € (Ledige) beziehungsweise 192.818 € (Verheiratete) fällt der Solidaritätszuschlag weiterhin in Höhe von 5,5% auf die Einkommensteuer an.

Versuche dieser Staffelung durch die Bildung entsprechender Rücklagen Rechnung zu tragen. Schätzt du deine Einnahmen auf einen Betrag zwischen 10.000 € und 20.000 € an Einnahmen, würde ich 10% jeder Einnahme zurücklegen, ab 30.000 € erwarteten Einnahmen bilde eine Rücklage von jeweils 15% jeder Einnahme und ab erwarteten 40.000 € 20% etc., bis du dann den Spitzensteuersatz von 42% zuzüglich Kirchensteuer und ggf. Solidaritätszuschlag erreicht hast. Mit Einnahmen meine ich hier wirklich die Einnahmen die du bekommst, also das konkrete Konzerthonorar. Das ist am einfachsten. Dann brauchst du nicht lange herumzurechnen.

Rücklagenkonto

Auch wenn es hart ist, solltest du immer direkt diese Teile des Einkommens auf ein extra Unterkonto deines Bankkontos zurücklegen, das du nur für Steuerzahlungen verwendest. Es ist sehr wichtig, dass du immer in dem Jahr das Geld für die Steuer zurücklegst, in dem diese Steuer auch verursacht wurde. In Zeiten der Coronapandemie muss ich nicht näher ausführen, wie schnell es passieren kann, dass der Umsatz einbricht. Zum einen weißt du dann nicht mehr, wovon du deine Brötchen zahlen sollst. Darüber hinaus musst du auch noch die Steuern aus Vorjahren zahlen. Auch wenn du die Steuerzahlungen stunden kannst, baut sich schnell ein Schuldenberg vor dir auf.

Achte möglichst darauf, dass das Rücklagenkonto für die Steuer keine Extrakosten in der Form von Bankgebühren verursacht. Die Kontoführungsgebühren addieren sich im Laufe der Zeit nämlich auch ganz ordentlich auf. Ein Unterkonto für dein laufendes Girokonto ist in der Regel kostenfrei. Versuche möglichst auch ein kostenfreies Girokonto zu finden oder wenigstens eines, das möglichst geringe Kontoführungsgebühren verursacht.

Die Nachzahlungsfalle

Wenn du keine Rücklagen bildest, droht die klassische Nachzahlungsfalle. Folgender Beispielsfall soll sie verdeutlichen:

Fred Mustermann hat im Jahre 2019 sehr gut verdient. Er hat ein zu versteuerndes Einkommen in Höhe von 42.000 € erzielt. Einen Teil dieses Einkommens hat er auch auf ein extra Konto für Zwecke der Steuerzahlung zurückgelegt: 5.000 €. Im Jahr 2020 hat er wieder genau so viel verdient und auch 5.000 € auf das Unterkonto seines Girokontos übertragen, um davon die Steuer zu bezahlen. Steuervorauszahlungen hat er keine geleistet, weil er in den Vorjahren immer recht wenig verdient hatte. Er wollte eigentlich höhere Rücklagen für die Steuer bilden, aber das schöne neue Auto und der wohlverdiente Urlaub haben dies verhindert. Er denkt sich, ach die Steuer kann ich auch dann verdienen, wenn ich den Steuerbescheid habe. Das wird sich schon finden.

Seine Steuererklärung für 2019 reicht er im Dezember 2020 (beraten durch einen Steuerberater) fristgerecht ein. Der Schock folgt auf dem Fuße. Die Steuer beträgt rund 11.000 € für das Jahr 2019. Gleichzeitig werden Steuervorauszahlungen für das Jahr 2020 in Höhe von 12.000 € festgesetzt und eine Vorauszahlung für das erste Quartal 2021 in Höhe von 3.000 €. Insgesamt muss er also 26.000 € bezahlen. Auf seinem Unterkonto hat er aber nur 10.000 angesammelt. Defizit:  16.000 €. Woher nehmen. Besonders brisant wird diese Situation, wenn zusätzlich im Jahre 2021 der Umsatz einbricht und ein deutlich geringeres Einkommen erzielt wird. Wie soll er dann das Geld für diese Steuerzahlung aufbringen?

Diese Situation ist kein Märchen, sondern zig-fach von mir in der Praxis erlebt. Deshalb kann ich dir nur dringendst ans Herz legen obige Rücklagen streng zu bilden. Es ist ein unheimlich gutes und beruhigendes Gefühl, die Steuer in dem Jahr zurückgelegt wird, in dem das entsprechende Einkommen erwirtschaftet wurde.

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